Genieästhetik versus Schreiben als Handwerk
„Eine Grundskepsis, dass man Schreiben lehren und lernen kann, scheint in den deutschsprachigen Ländern geblieben zu sein. Der Geniebegriff ist zu schön, um ihn einfach zum Müll der Geistesgeschichte zu werfen“ (Josef HASLINGER 2000).
Wer Schreiben beruflich oder als künstlerische Ausdrucksform entdecken will, kommt an den Methoden des Kreativen Schreibens nicht vorbei. Viele nützen sie gewinnbringend als Qualifizierungsmaßnahme. In den USA gehört „Creative Writing“ seit Jahrzehnten zum Standardprogramm an Schulen und Universitäten, deutschsprachige Ländern hingegen hinken Jahre hinterher. Noch immer ist eine große Zahl von Altväterischen überzeugt, dass es sich bei der Fähigkeit des (literarischen) Schreibens um ein angeborenes Talent handelt, das nur wenigen Auserwählten (Genies) zuteil wird.
Was der italienische Schriftsteller Umberto Eco in seinen "Streichholzbriefen" für Die Zeit dazu schrieb:
„Der Mensch ist ein Wesen, das dazu neigt, sich interesselos auszudrücken, ohne ein praktisches Ziel, aus reinem Vergnügen am Ausdruck - durch Singen, durch Tanzen, durch Bilder, durch Worte und somit auch durch geschriebene Texte. Fast alle singen aus Freude am Singen, sei’s einsam unter der Brause oder gemeinsam auf einem Fest, aber die Mehrheit denkt nicht daran, zur Scala zu gehen. Viele zeichnen und malen und zeigen womöglich im Freundeskreis Karikaturen, Skizzen und Aquarelle, aber sie streben nicht in die Uffizien. Sehr viele spielen ein Instrument, tun sich zu Gruppen zusammen und geben kleine Konzerte, aber sie trachten nicht nach einem Auftritt in der Carnegie Hall. Und bringen sich nicht um, wenn sie’s nicht schaffen. Mithin sollte auch das Schreiben von Gedichten, Geschichten, Tagebuchseiten und Briefen etwas sein, was alle tun, so wie man Fahrrad fährt, ohne dabei an den Giro d’Italia zu denken“ (DIE ZEIT, 13.2.1987).